Der Engelsturm – Tad Williams

2.5 von 5 Punkten – Wenn ich Punkte für Enttäuschung vergeben würde, dann hätte ich hier das Maximum gewählt. Tad Williams kann wirklich gut schreiben und hat es mit seiner vierteiligen Reihe um das Land Osten Ard geschafft, oft mit der epischen Welt eines Tolkien verglichen zu werden. Was die differenzierte Fantasy-Welt betrifft, die von verschiedenen Völkern über eigene Religionen bis zu ausschweifenden Landschaftsbeschreibungen reicht, dann passt der Vergleich. Für die Charakterentwicklung über 3.500 Seiten in vier Bänden, geschaffen in sieben Jahren, und die stringente Verfolgung des Erzählfadens gilt das leider nicht. Genau das wird im „Engelsturm“ nur allzu deutlich. Wieder standen mir fast 900 Seiten bevor und ich betete darum, dass nach der auf der Stelle tretenden „Nornenkönigin“ (dritter Teil) endlich alle Fäden zusammenlaufen und im Tempo des zweiten Teils die Geschichte zum wohlverdienten Höhepunkt kommt. Weit gefehlt! Die Hälfte des Buches kleckert die Geschichte wieder vor sich hin. Dann geht es endlich zur Sache: Die Handlung nimmt immer mehr Fahrt auf, steuert dem Höhepunkt entgegen, kommt aber von der Spur ab und lässt das Finale an der Mauer des Engelstums zerschellen!

Eigentlich lebt der letzte Teil davon, dass man alle handelnden Personen kennt und lieb gewonnen hat. Wenn man die Bücher mit viel Abstand zueinander liest, werden einem viele Dinge wahrscheinlich anders auffallen, viele Wiederholungen eher willkommen sein. Die Zusammenfassung der ersten drei Teile (das macht Williams am Anfang jeder Fortsetzung) ist überragend gut. Man ist sofort wieder in der Geschichte.

Hier nun eine kurze Zusammenfassung, was mich genervt hat. Wer sich eine eigene Meinung bilden will (die breite Mehrheit findet die Serie hervorragend), der liest den folgenden Teil nicht mehr.

(SPOILER)
Prinzessin Miriamel flüchtet permanent vor allem und jedem. Erst vor ihrem bösen Vater, der die ganze Welt in die Finsternis treibt, dann vor ihrem Onkel, um entfernte Verwandte um Hilfe zu bitten, dann vor ihrem Verführer vom Schiff und dann wieder vor ihrem Onkel, um ihrem Vater zu sagen, dass alles, was der tut, ihre tote Mutter nicht mehr lebendig macht und er doch bitte mit der Vernichtung der Welt aufhören soll. Das macht den Charakter nicht sympathisch und auch nicht realistisch.

Simon Schneelocke ist immer ein Mondkalb und Küchenjunge geblieben, obwohl er zahllose Abenteuer besteht und Dachen tötet, Riesen bekämpft und immer wieder gefangen genommen wird. Ein Junge darf auch gerne zum Mann reifen, der ständige Rückgriff nervte irgendwann nur noch. Dass Simon wahrscheinlich doch kein Normalo ist, sondern noch die passende Abstammung bekommt, um die geliebte Prinzessin heiraten zu dürfen, konnte man sich denken. Leider verpasst es Williams, das etwas geschickter einzubauen.

Der böse König Elias verwandelt sich langsam in den untoten Elbentyrannen Ineluki. Das wurde dem Leser schon im ersten Buch klar, wird aber wie ein unendliches Kaugummi bis zum Ende des vierten Teils gezogen. Die Motivation dazu bleibt die ganze Zeit über unklar, was dazu führt, dass der Leser erwartet, dass dann etwas ganz Unerwartetes kommt, also nicht die Auferstehung der toten Ehefrau oder ewiges Leben.

Schlussendlich hat mich die Länge genervt. Ich lese gerne Mehrteiler, Williams treibt die Geschichte aber nicht konsequent voran. Mit der Hälfte der Gesamtlänge wäre die Geschichte doppelt so gut geworden, dann hätte es sicher auch noch Platz für ein besseres Finale gegeben.

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